“Wie viel Philosophie verträgt die Musik?“ 

Die Frage ist natürlich etwas ironisch gemeint und stellte sich mir anlässlich einer Anmerkung in einer Konzertbesprechung: „Der Künstler bot eine sehr philosophische Sicht des Werkes an“. Eigentlich liest sich so eine Bemerkung eher als Lob, denn als Tadel. Gleichwohl unterstellt sie dem Interpreten leise, dass es ihm an Gefühlen bzw. an dem Feuerwerk der Virtuosität mangele oder dass die Interpretation zu langsam oder schlichtweg nicht überzeugend war. Offensichtlich genießt eine philosophische Sicht des Werkes in unserer heutigen Welt, wo die künstlerische Ausbildung immer schmalspuriger wird, wo selbst die Kunst ‚ergebnisorientiert‘ sein sollte und die Wege zum Erfolg so kurz wie möglich gehalten werden müssen, wenig Ansehen. Sie verlangt nach einem Mitdenken des Zuhörers bzw. des Zuschauers und zwingt die anwesenden Aufführungsbesucher zu einer geistigen Zusammenarbeit. Somit wird die Kunst wieder zur Kunst und nicht mehr zur Unterhaltung im Sinne des Zeitvertreibs. Die klassische Musik ist eine in der linearen Zeit angesiedelte Kunstform; sie kann als Mittel fungieren, das uns erlaubt, vom Jetzt in die Zukunft zu gelangen; sie kann aber auch die Vergangenheit vergegenwärtigen. Der Umgang mit diesen und vielen anderen Facetten der klassischen Musik verlangt – wie jede ernst zu nehmende Interpretation – eine gehörige Portion der Philosophie. Nicht nur im Sinne des Mitdenkens seitens der Zuhörer, sondern auch im Sinne der Kenntnisse seitens des Künstlers. Allein die Zusammenstellung des Programms verrät eine gewisse Lebensphilosophie des Künstlers, seine Weltsicht, seine künstlerischen Neigungen und Präferenzen, sein Verhältnis zum Publikum und – vor allem – seine Erinnerungen und Gedanken, seine réflections. Dazu gehören die persönlichen Erlebnisse, die unweigerlich in die Interpretation einfließen und in ihr hörbar werden. Dazu gehören Erinnerungen und Gedanken der Anderen, die der Künstler sich durch jahrelange intensive Arbeit aneignete, bis sie zu seinen eigenen wurden. Sich auf dieses Gerüst stützend entwickelt der Künstler im Idealfall eine vollkommene – philosophische wie praktische – Annäherung an die musikalische Materie, die ihm erlaubt die von der Gesellschaft gesetzten Fantasiegrenzen zu überwinden und in unbekannte Felder vorzudringen, wo sich seine Individualität ungestört entfalten kann. Ungestört auch deshalb, weil die Fesseln der Traditionen und der vorangegangenen Interpretationen ihn nicht mehr beeinflussen können. Er findet dadurch zu sich und seinem Innern, was gleichwohl eine schmerzliche Erfahrung einer absoluten Einsamkeit mit sich bringt. Diese Einsamkeit teilt er mit dem Komponisten, der aus dem scheinbaren Nichts ein Werk erschafft. Sie ist absolut unentbehrlich, um den inneren Prozess der refléction zu beginnen und fortzuführen. Sie ist der Raum in dem sich Musik und Philosophie in Form der refléctions treffen, entfalten und gegenseitig bereichern. Sie ist der Raum, in dem der Interpret die Ideen und das Ansinnen des Komponisten am besten nachvollziehen und umsetzen kann, wo die brennende Energie des Kunstmotors generiert wird. Einmal vor dem Publikum, wird der Interpret in der Lage sein, seine Zuhörer in seine Visionen einzubeziehen und sie zum Mitdenken zu animieren. Vielleicht steht später in einer anderen Konzertbesprechung: „Die philosophische Annäherung an die musikalische Materie war der einzige Weg, der ungeheuerlichen Komplexität des Werkes gerecht zu werden“.

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